Beten um den Heiligen Geist
- nur – wie geht das?

„Veni Sancte Spiritus“ – eine in Taizé oft gesungene Antiphon, die man immer wieder singen kann und die eine Atmosphäre der Meditation schafft.

Simone Weil sagt: „Das Beten um den Heiligen Geist muss ein Schrei sein oder es ist keines!“
Und das nicht, weil Gott schwerhörig sein könnte, sondern weil es bei mir wie ein Schrei herauskommen muss, - sonst ist es vielleicht auch nur eine liturgische Floskel.

Wann schreie ich um etwas? Wenn ein geliebter Mensch sich von mir abwendet und ich um die gefährdete Liebe schreie? Wenn ich eine tödliche Krankheitsdiagnose erhalte und um mein Leben schreie? Wenn Schmerzen unerträglich werden und ich nach Befreiung schreie? Wenn sich mir durch den Tod eines geliebten Menschen alles in Trauer verdunkelt und ich nach Trost schreie? Wenn ich in sozialer Not meine Arbeit verliere und um meinen Lebensort in der Gesellschaft schreie? Wenn Mobbing am Arbeitsplatz oder Feindschaft in meiner Umgebung mir die Kriegssituation vieler Menschen in fremden Ländern auf den Leib schreiben und ich um Frieden schreie?

All diese Leidsituationen, in denen ich nach Erlösung schreie, haben mit dem Geist Gottes zu tun, denn andere Namen für ihn sind: Liebe, Leben, Tröster, Beistand, Frieden …

Eine indische Geschichte erzählt, wie ein Lehrer seinem Schüler das Verlangen nach Gott, nach dem Heiligen Geist erfahrbar werden lässt: Er taucht ihn beim Bad im Fluss so lange unter Wasser, bis der Schüler fast erstickt ist. Dann fragt er ihn: „Was hast du da unten empfunden?“ „Das Verlangen nach Luft!“ – Das ist es: Wenn wir uns so nach dem Geist Gottes sehnen wie dieser Junge nach Luft, weil wir ohne ihn nicht leben können, dann genügt es zu rufen: „Komm!“ – „Veni Sancte Spiritus!“

Text von Sr. M. Ancilla Röttger osc
Bild von Christiane Alt-Epping